Geliebte Wut

Die Wut, von der er gar nicht sagen konnte, woher sie so plötzlich gekommen war, verzog sich aus seinem Bauch. Zurück blieb ein leichter Druck um seinen Magen, unmöglich war der mit Schmetterlingen zu verwechseln. Ob es am November lag, hatte er sich schon oft gefragt. Andere Menschen verliebten sich im Frühling, der passte viel besser zum Gefühl, als der verwesende Rest des Jahres, dessen Ereignisse wie Torf auf seiner Seele lagen.

Es war schon zehn Uhr vormittags und würde heute nicht mehr richtig hell. Tapfer wehrte er sich gegen den Drang, in die wohlige Tiefe seiner Melancholie einzusickern, die sich nun dort breit machte, wo die Wut Platz gemacht hatte.

Er blickte auf die Balkone gegenüber. Auf die Satelliten-Schüsseln, die alle auf denselben fernen Punkt ausgerichtet waren. Hinter ihnen flackerte kaltes Licht. Die Wiederholung der letzten Wetten dass ..? Sendung vielleicht oder eine türkische Soap Opera?

Als in ihrem Schlafzimmer das Licht anging, fiel ihm auf, dass sie keine Schüssel am Fenster hängen hatte. Das gefiel ihm gut, so wie ihm eigentlich alles an ihr gefiel. Sie war anders, als andere Frauen, eigentlich in allem, was sie tat. Manchmal saß sie bei gutem Wetter an dem Fenster, das seiner Wohnung gegenüber lag, und lackierte sich gemütlich die Nägel. Dabei rauchte sie eine Zigarette, deren Rauch ihr immer wieder in die Augen geriet. In dieses verzweifelte Zwinkern hatte er sich damals verliebt. Ihre Zigaretten hatten einen goldenen Rand um den Filter, das konnte er sehen, so nah waren ihre Häuser aneinander gebaut. Manchmal winkte sie herüber und manchmal warf er dann einen Luftkuss zurück. Ob sie ihn wieder erkannte?

Seit diesem Abend im Juli 2006, als sie ihm einen klebrigen Kuss auf den Mund gesetzt hatte, der mehr versprach, als er hielt, war sein Leben durcheinander geraten. Sie hatte nichts damit zu schaffen, sagte er sich immer wieder. Sie war nur Verheissung und Auslöser zugleich.

Als ihre Lichter ausgingen, schreckte er hoch. Wie lange hatte er hier sinnierend gesessen?, viel zu lange. Martin und Sandra warteten sicher schon, dass er mit dem Baumaterial anrückte. Er musste los. Einen letzten Blick warf er noch auf Iris Wohnung, bevor er die Tür zu seiner Bude schloss.

Als er sein Fahrrad aufschloss und den Regen der Nacht vom Sattel wischte, kam sogar die Sonne kurz hervor, um ihn zur Flora zu begleiten. Sie hatten sich viel vorgenommen heute. Am Dach begann es zu lecken, dort oben, wo Iris ihn das erste Mal geküsst hatte, als sie im Sommer dort oben eine endlose Wache schoben.

Irgendwann würde er zu ihr herüber gehen, aber das hatte bis nach Weihnachten Zeit. Vielleicht war bis dahin seine Wut ganz verflogen.

Paul Coehl
Autor, Blogger und ewig unterwegs