Links, ein Baum

Er war groß, hatte dunkle Haare und war ein schöner Junge. Ein außergewöhnlich schöner Junge. Als er gegen die Eiche krachte, blieb dem Baum eine Wunde, die mir noch jahrelang ins Auge fiel, wenn ich die Elbchaussee in Richtung ‚Stadt‘ fuhr.

Als er starb, wurde viel gerätselt. Er hätte am Kabel des selbst eingebauten Becker Mexiko rumgefummelt, einen Moment nicht aufgepasst, sagten die einen; andere vermuteten einen Freitod durch Unfall, wegen des bald bevorstehenden Abiturtermins.

Ein Baum an der Elbchaussee

Ich bin einige Jahre später auch in den Sog dieses Baumes geraten. Nicht lang aber deutlich rief er: „nur ein kurzer Schlenker, und es ist vorbei.“

Das ist knapp 30 Jahre her. Ich habe lange nicht mehr an die Wunde im Baum gedacht, dort wo kein Bier mehr gebraut, sondern reiche Senioren mit Elbblick betreut werden. Soviele Herzschläge, soviel Leben; soviel Glück ist seitdem in den Windungen der Zeit entstanden. Der hübsche Mann war nicht dabei.

Inspiriert durch Cem.

Photo credit: blende74.de via Visualhunt.com / CC BY-NC-SA

Paul Coehl
Autor, Blogger und ewig unterwegs